Rund 800 Jahre trennen uns heute von der Welt des Autoren Gottfrieds von Straßburg, Autor von "Tristan & Isolde". Warum sich also mit seinem Werk, mit dieser mittelalterlichen Literatur befassen, mag sich mancher fragen. Und in der Tat ist uns vieles fremd in dieser Literatur, Symbole haben andere Bedeutungen, das Verständnis von Literatur ist hat sich verändert.

Gottfried in unserem heutigen Sinne als den Dichter des Tristan zu bezeichnen, würde dem mittelalterlichen Literaturbetrieb nicht gerecht werden, war doch Literatur im Mittelalter überwiegend Übersetzungsliteratur. So läßt sich auch Gottfrieds Tristan auf verschiedene Quellen zurückführen: Als Vorlage diente ihm der Tristan des Thomas d'Angleterre (auch Thomas von Bretagne), der um 1170 entstanden und nur fragmentarisch überliefert ist. Obwohl Gottfried dem Handlungsverlauf seiner Vorlage recht genau folgt, begleitet er doch dir Handlung durch seine kommentierenden und reflektierenden Einschübe, so zum Beispiel zum Thema Minne, Huote oder ähnlichem.

Allein, auf diese eine Quelle möchte sich Gottfried nicht beschränkt wissen: Er verarbeitet zeitgenössische und antike Einflüsse. So zeigen sich unter anderem Einflüsse des Minnesang, Hartmanns von Aue ebenso wie die Ovids und des Hoheliedes.

Trotz dieser uns recht fremden Auffassung von Literatur gelingt Gottfried, diese Quellen ineinander zu verschmelzen und so ein Werk zu schaffen, das eigenständig und vieldeutig, tragisch und am Schicksal und der Psychologie der Personen interessiert ist. Dabei fesseln auch heute noch seine genauen Beobachtungen, die, obwohl vor rund 800 Jahren getroffen, noch immer atemberaubend und modern sind. Viel ergreifender noch als Romeo und Julia erzählt Gottfried die Geschichte einer Liebe, die sich den Konventionen widersetzen und daher scheitern muß. Hier begegnet uns zum ersten Male die Vorstellung von der Liebe als zentralem Sinn des Lebens und der Liebe als Passion, es gleicht bereits den modernen Minnemythos mit seiner Verinnerlichung, seiner Sehnsucht nach permanenter Extase, nach Absolutheit und Auflösung erst durch den Tod, der in unserer Kultur allgegenwärtig ist. Trotz seines Alters kann der Tristan uns anrühren und ergreifen, uns zum Nachdenken und Umdenken zwingen, uns eine neue Sicht eröffnen - trotz seines Alters ist der Tristan aktuell und modern - und es wert, unvergessen zu bleiben.


Zwei Begriffe der höfischen Kultur: Sehr vereinfacht gesprochen, bezeichnet Minne das, was wir heute unter den Begriff Liebe fassen würden. Der Begriff Huote dagegen bezeichnet in der Literaturdes Mittelalters eine soziale und moralische Kontrollinstanz, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Normvortsellungen das Glück zweier Liebender verhindert. Verkörpert wird diese Instanz regelmäßig durch höfisches Personal, Wächter oder andere intrigante Personen, wie Ratgebern oder Zwerge, aber auch durch Zofen.