Wolframs Roman spielt zur Zeit des Königs Artus und erzählt eigentlich die Geschichte der Tafelritter Gawan und Parzival. Beginnend mit der Lebensgeschichte des Vaters von Parzival, Gahmuret, und dessen beiden Ehefrauen, Belakane und Hertzeloyde. Beide Ehefrauen schenken ihm einen Sohn: Feirefiz, den Heiden, und Parzival, den Christen. Letzterer wächst nach Gahmurets Tod auf Wunsch von Hertzeloyde fern von jeglichen ritterlichen Einflüssen in der Wildnis Soltane auf.

Doch obwohl Hertzeloyde es zu verhindern versucht, entsteht in Parzival nach einer Zufallsbegegnung mit Rittern der Wunsch, Ritter zu werden. Der naive Held verlässt seine Mutter, nicht ohne von ihr einige wichtige Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg zu bekommen, die er jedoch, nicht zuletzt auf Grund ihrer Knappheit und Mehrdeutigkeit, gründlich missversteht. Parzival verlässt seine Mutter, die darüber aus Gram stirbt.

Bald nach seiner Abreise aus Soltane findet sich Parzival in verschiedenen, für ihn schwer einzuschätzenden Situationen wieder und „bewährt“ sich in ihnen als wahrer Tor, bevor er endlich sein eigentliches Ziel, den Artushof, erreicht. Getrieben von dem Wunsch, Ritter zu werden, und der Gier nach einer Rüstung, tötet er dort Ither, den Roten Ritter, um dessen Rüstung willen. Getrieben von seinem Verlangen nach aventiure verlässt er den Artushof jedoch sogleich wieder. Er trifft auf Gurnemanz, einen edlen Ritter, der ihn in das ritterliche Können und die ritterlichen Tugenden lehrt. Hier werden Parzival seine früheren Verfehlungen peinlichst bewusst. Er verlässt Gurnemanz und gelangt nach Belrapeire. Dort heiratet er nach ihrer Befreiung die Königin Condwiramur.

Doch auch hier hält es ihn nicht. Auf der Suche nach neuen Abenteuern kommt Parzival schließlich zur Gralsburg Munsalvaesche. Aus falsch verstandener höfischer Zurückhaltung jedoch versäumt er es, den offensichtlich leidenden Gralskönig Amfortas mit der Frage nach dessen Wohlbefinden zu erlösen. Er wird verflucht, aus der Tafelrunde ausgestoßen und verbringt mehrere Jahre mit der vergeblichen Suche nach der Gralsburg, um sein Versäumnis nachzuholen.

Verzweifelt  und mutlos wendet er sich von Gott ab, von dem er sich verraten glaubt. Erst nachdem er beim Einsiedler Trevrizent, dem Bruder seiner Mutter, eine innerliche Wandlung erfahren hat und sich mit seinem Bruder Feirefiz ausgesöhnt hat, kann Parzival Amfortas die erlösende Frage stellen und wird zum Gralskönig berufen.

Parallel zu Parzivals Gralssuche wird die Geschichte vom Neffen Königs Artus', Gawan, erzählt. Auch er gehört zur Tafelrunde und muß zahlreiche Abenteuer zur Verteidigung seiner eigenen ritterlichen Ehre und im Dienste der Minne bestehen. Nachdem er für die Fürstentochter Obilot gekämpft hat und von deren Vater zum Ritter geschlagen wurde, beginnt er ein Liebesverhältnis mit Antikonie. Schließlich aber bemüht er sich um die Gunst der Herzogin Orgeluse, die er nach langem Werben auch gewinnt.

Die Handschrift im Internet: Parzival

BAND I BAND II


Für die Bühne musste die Geschichte viel stärker bearbeitet werden als zum Beispiel der Tristan-Stoff im letzten Jahr. Viel dringlicher war auch die Entscheidung für EINE der im Werk vielfältig vorhandenen Bedeutungsebenen. Mit dem Entschluss, die Suche eines Menschen nach sich selbst und seiner Berufung, seinem Weg, anhand des mittelalterlichen Stoffes darzustellen, waren auch die Kriterien für die Textherstellung gegeben.

Die Geschichte beginnt unvermittelt mit Parzivals Kindheit in Soltane – lediglich in einem kurzen, speziell für dieses Stück zusammengestellten Monolog zu Beginn (link zum Monolog) gibt Hertzeloyde einen kurzen Einblick in ihre Geschichte. Sowohl Gahmurets erste Frau, Belakane, als auch deren Sohn und Parzivals Halbbruder, Feirefiz, fielen der Feder zum Opfer.

Geblieben sind die Bewährungsaufgaben, an denen Parzival zunächst scheitert: das Treffen mit Jeschute und Orilus zum Beispiel. Um an „seine“ Rüstung zu gelangen tötet er jedoch nicht, sondern stiehlt sie einfach, als sich ihm die Gelegenheit dazu bietet. Zwar trifft auch im Stück Parzival auf Gurnemanz und verlässt ihn und dessen Tochter Liaze, doch die Begebenheiten in Belrapeire und seine Hochzeit mit Conwiramur fehlen.

Die Gralsburg-Episode blieb natürlich als eines der Kernstücke der Erzählung erhalten. Am stärksten wurde der zweite Teil der Geschichte verändert: Während Parzival im zweiten Teil des wolframschen Romanes fast gänzlich aus dem Blickfeld gerät und über Gawans Abenteuer berichtet wird, bleibt Parzival auch im zweiten Teil des Stückes die Hauptfigur. Um dies zu erreichen, mussten Szenen, die ursprünglich Gawan zugeordnet waren, auf Parzival umgeschrieben – und uminterpretiert werden.

Die Szene im Schastel de Marveille, die in Wolframs Text wohl die Macht einer und den Kampf gegen eine äußere, magische Gewalt darstellt, wird nun zum Kampf eines Menschen mit sich selbst. Hin und her gerissen zwischen seinen Idealen und seinen weltlichen Trieben, muss Parzival sich entscheiden. Als er endlich – nach langem, qualvollen Ringen – seine Entscheidung fällt, ist er erlöst. Endlich ist er des Grales würdig und kann seine ihm bestimmte Position einnehmen.

Diese starken Eingriffe in den Ursprungstext waren notwendig, um eine Geschichte erzählen zu können, die von der inneren Entwicklung eines Menschen und seiner nicht immer einfachen und gefahrlosen Suche nach sich selbst berichtet. Möge Wolfram nachsichtigen Auges und Herzens auf unser Vorhaben blicken!