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Wortstücke des brechenden Herzens

Wortstücke des brechenden Herzens


Den „klassischen“ Minnesang kennt man, er ist sozusagen in aller Munde. Er wird an den Universitäten gelehrt, an Gymnasien zumindest noch erwähnt. Die ewig unerfüllte Minne des hohen Minnesang ist ebenso bekannt wie die schmerzvolle Trennung der Liebenden bei Tagesanbruch. Diese Art der mittelhochdeutschen Lyrik ist gezähmt und lässt sich – fremdartig oder nicht – distanziert und analytisch auseinander nehmen: Oh da, ein locus amoenus! Und dort, eine typische Kanzonenstrophe!

Doch diese Art Literatur zu betrachten, beraubt sie ihrer unmittelbaren Wirkung und ihrer Intensität. Vielleicht ist es deswegen auch nicht verwunderlich, dass sich die Forschung mit Oswald von Wolkensteins Herz, prich! von jeher schwergetan hat. „heillos schwierig“ nennt Christoph Petzsch es. Auch eine Übersetzung scheint schwer möglich: Die Wörter stehen nahezu unverbunden nebeneinander, klare Bezüge sind selten. Und gerade hierin liegt die Ausdruckskraft dieser Dichtung: Ein Jeder, der unglücklich liebt, wird seine innere Zerrissenheit und seinen bohrenden Schmerz in den Worten gespiegelt finden. Zerrissen sind auch die Gedanken – und genau diese Zerrissenheit fängt Oswald mit seinen Worten ein, die auch in der entsprechenden musikalischen Umsetzung ihren Ausdruck fand. DernHoquetus, wörtlich übersetzt „Schluckauf“, ist eine Satztechnik, bei der die Melodie auf mehrere Stimmen verteilt wird, so daß eine Art abgehackter Stereoeffekt entsteht. Die Sänger ergänzen sich gegenseitig, rufen sich gewissermaßen die Gedankenfetzen zu (vgl. Ia und Ib).

Ia
––– prich! rich! sich:      Discantus
––– scherz ––– dringt,
––– zwingt und pringt
natürlich lieb in immer ach.
––– rach ––– grimmiklichen schrei.
ei frei, gesell,
––– kenn dein treu be –––

Ib
Herz, prich! [rich!] sich:      Tenor
smerz [scherz] hie [dringt,]
ser [zwingt] und pringt
natürlich lieb in immer ach.
nach [rach] ich grimmiklichen schrei.
[ei] frei, gesell,
wenn [kenn] dein treu bedencken.

II
Hort mein, dein ain
wort mort mir gail.
unhail, das sail
ich schreiben tün an wage schild.
wild mild mein herz begriffen hat
Quat, mat! nu snell,
Gelück, rück mir lieb verrencken!

III
Tod, laid mald, schaid
not! rot dein mund
trost wund die hund,
der stimm mir nie wolt louffen süss.
büss müss mir freuden werden an,
wan man gefell
nie lie plausen auff schrenken.

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